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Die „Vürhaltung“ als besonderes Zeugnis der Reformation

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Noch vor der offiziellen Übernahme der Reformation in Nürnberg wurde in Wendelstein in diesem Jahr durch die Ansbacher Markgrafen die Reformation eingeführt, zumal auch die Reichsstadt selbst schon gleiche Gedanken hatte, aber erst noch positive wie negative Folgen dieses Schrittes für sich in Disputationen abwägte.


Beim Treffpunkt am Brunnen auf dem Marktplatz erfuhren die knapp 30 Teilnehmer das Wichtigste zur Einführung der Reformation in Franken und speziell im Markgrafentum Ansbach-Brandenburg-Kulmbach und in der nahen Reichsstadt Nürnberg. Beide Territorien waren für Wendelstein als Grundherrschaften wichtig.


In der Markgrafschaft Ansbach zeigte sich um 1520 bereits Markgraf Georg der Fromme der Reformation zugetan, während sein Bruder Kasimir als Kurfürst und Kulmbacher Markgraf - seit 1518 mit einer Tochter der bayerischen Herzöge verheiratet - die Reformation versuchte in seinem Bereich zu unterbinden. Mit der zunehmenden Ausbreitung des Reformationsgedankens in Franken musste sich jedoch auch Nürnberg damit befassen.

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Die Stadt wägte aber aufgrund ihrer Bedeutung und Rolle als reichsfreie Stadt lange in ausführlichen Disputationen die Übernahme des evangelischen Glaubens ab. Erst 1525 führte Nürnberg dann den evangelischen Glauben ein. Damit hatte Wendelstein ab 1525 zwei evangelische Grundherrschaften, die vor Ort das Kirchenleben mitbestimmten. Davor aber setzten sich die Wendelsteiner selbst für ihren „neuen Glauben“ ein, denn die Markgrafen als örtliche Kirchenherren und die Bevölkerung hatten Probleme mit dem neuen Pfarrer.


Doppelter Glaubenswechsel von evangelisch zu katholisch 1524 und 1525

Gut zu den zwei prägenden Grundherrschaften passten im Rahmen der Ortsführung dabei die Stationen an prägenden Bauten beider Herrschaften. Für das Markgrafentum war dies deren barockes Pfarrhaus von 1720 an der Hauptstraße und für die Reichsstadt deren Gerichtsamt von 1736 in Sichtweise dazu in der Kirchenstraße.

In der St. Georgskirche folgten Informationen zu den ersten "evangelischen" Jahren Wendelsteins ab 1524. Nachdem Markgraf Georg der Fromme in Wendelstein die Reformation eingeführt hatte, übergab er seinem Bruder Kasimir sein Herrschaftsgebiet wegen eines Kriegszugs mit dem Kaiser nach Ungarn.

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Markgraf Kasimir seinerseits versuchte sofort, Wendelstein zum alten Glauben zurückzuführen, zumal der erste „offiziell evangelische“ Pfarrer Caspar Krantz noch sehr „papistisch“ dachte und sich noch nicht mit Luthers Glaubenslehre anfreunden wollte. Die Wendelsteiner Bevölkerung war über ihren Pfarrer jedoch zunehmend verärgert: Als er mehrfach wichtige Tagesaufgaben wie das Glockenläuten zu den Messen und anderes vernachlässigte, drohten die Wendelsteiner ihm offen, so dass er vom Markgrafen als Pfarrer abgesetzt wurde. Als zudem Markgraf Kasimir starb, übernahm sein Bruder Georg die Verwaltung der gesamten Markgrafschaft.


Gedichte von Hans Sachs als zeitgenössische Quellen

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Markgraf Georg führte sofort in seinem Machtbereich wieder den evangelischen Glauben ein. In Wendelstein trug die Bevölkerung dadurch gestärkt gleich ihrem nächsten Pfarrer mit einer eigens für ihn aufgeschriebenen „Vürhaltung“ bei der Amtseinführung vor, wie er sich zu verhalten habe als Pfarrer und was ihm verboten sei.

Diese „Vürhaltung“ galt damals als so ungewöhnlich, dass sie sogar als Flugblatt gedruckt und so in weiten Teilen Deutschlands bekannt wurde. Spätestens mit diesem Dokument war und blieb Wendelstein evangelisch.

Erst im 19. Jahrhundert dann und vor allem nach 1945 begann erst wieder in Wendelstein auch katholisches Kirchenleben.


Als Überraschung und ideale Vertiefung des Themas hatte die Theatergruppe des Heimatvereins für die Führung in der St. Georgskirche einen „Disput“ von Hans Sachs einstudiert, bei dem es „im Wortlaut der Reformationszeit“ um den oberflächlichen und den „wahren“ evangelischen Glauben im Gespräch dreier Männer ging.

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Letzte Station des Rundgangs war die Gemeindebücherei, wo die Führungsteilnehmer in der aktuellen Ausstellung evangelische „Bücherschätze“ gezeigt bekamen - darunter Schaitbergers „Exulanten-Sendbriefe“ von 1783, eine Nürnbergische Gottesdienstordnung für das Erntedankfest von 1800 und eine Lutherbibel des 18. Jahrhunderts.


Bericht: Dr. Jörg Ruthrof

Letzte Änderung: 09.10.2017 10:44 Uhr